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Thema: Heisst es: "… die Anleitung der Patienten und ihrer Familien in die Verabreichung spezifischer Medikamente" oder "Anleitung (…) in der Verabreichung..."

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Heisst es: "… die Anleitung der Patienten und ihrer Familien in die Verabreichung spezifischer Medikamente" oder "Anleitung (…) in der Verabreichung..."

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Erstellung eines Informationsschreibens

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    -

  2. #2
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    Ort
    Gießen
    Beiträge
    269

    Standard Rektion in

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    In Ihrer Grammatikfrage geht es darum, in welchem Kasus die Wortgruppe die Verabreichung spezifischer Medikamente stehen muss. Sie machen dafür bereits zwei Vorschläge:

    Beispiel

    1) Anleitung in die Verabreichung spezifischer Medikamente (= Akkusativ)
    2) Anleitung in der Verabreichung spezifischer Medikamente (= Dativ)


    Ihr Zweifelsfall entsteht dabei durch die Verwendung der Präposition in. Allgemein zeichnen sich Präpositionen dadurch aus, dass sich nicht flektierbar (beugbar) sind und darüber hinaus nicht alleine im Satz auftreten können. Sie stehen immer gemeinsam mit einer Nominalgruppe deren Kasus sie festlegen. Dieses Festlegen des Kasus wird in der Linguistik als Kasusrektion bezeichnet. Jede Präposition regiert für gewöhnlich genau einen Kasus. Das besondere an der Präposition in ist jedoch, dass sie eine sogenannte Wechselpräposition ist. Wechselpräpositionen können sowohl mit Dativ als auch mit Akkusativ stehen. Welcher Kasus gewählt wird, hängt mit der intendierten Bedeutung zusammen. Dies lässt sich besonders gut mit den folgenden zwei Sätzen veranschaulichen:

    Beispiel

    3) Ich sitze in dem Sessel.
    4) Ich setze mich in den Sessel.


    In Beispielsatz 3 wird die Präposition in mit dem Dativ verwendet. Dabei wird angegeben, dass sich der Sprecher an einem bestimmten Ort befindet. Immer wenn ein bestimmter Ort also etwas Statisches ausgedrückt werden soll, wird die Präposition in mit dem Dativ verwendet. Anders hingegen funktioniert Beispielsatz 4. Hier fällt die Wahl auf den Akkusativ. Mit diesem Satz soll etwas Dynamisches, nämlich eine Bewegung in eine bestimmte Richtung artikuliert werden. Es geht darum, in welche Richtung sich der Sprecher bewegt. Um eine solche Richtungsveränderung anzugeben, wird auf den Akkusativ zurückgegriffen.

    Zusammenfassend bedeutet dies, dass von der intendierten Bedeutung abhängig ist, ob der Akkusativ oder der Dativ gewählt wird. Dabei wird der Akkusativ für Richtungsveränderungen/Dynamisches, der Dativ für Ortsangaben/Statisches verwendet.

    Nun lässt sich diese Differenzierung nicht ganz so einfach auf Ihr Beispiel übertragen, da in Ihrem Satz anders als in den Beispielsätzen 3 und 4 kein Verb vorliegt, welches eine lokale oder direktionale Bedeutung nahelegt. Da auch das Substantiv Anleitung keinen konkreten Hinweis auf eine solche Bedeutung gibt, greift hier die folgende Regel der Dudengrammatik:

    „Bei nicht lokaler und nicht temporaler Verwendung, d. h. bei Abwesenheit einer Raum/Zeit-Vorstellung, regieren an, in, neben […] den Dativ, auf regiert den Akkusativ.“ (Dudengrammatik, Randnummer 913)
    Entsprechend dieser Regel müsste in Ihrem Beispiel tendenziell eher der Dativ verwendet werden und damit die zweite von Ihnen vorgeschlagene Variante.
     


    Sprachgebrauch


    Um zu überprüfen, ob der Dativ sich tatsächlich im Sprachgebrauch für Ihr Beispiel konventionalisiert hat, wurde mithilfe von COSMAS II, der digitalen Belegsammlung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), und Google nach beiden Varianten gesucht. Dabei ergab sich folgendes Ergebnis:

    COSMAS IIGoogle
    Anleitung in der ca. 167 Treffer ca. 348.000 Treffer
    Anleitung in die ca. 88 Treffer ca. 334.000 Treffer

    Die Tabelle zeigt, dass beide Varianten frequentiert auftreten, mit einer Tendenz zur Wahl des Dativs. Diese Tendenz wird besonders dadurch bestärkt, dass der in diesem Fall nur Dativ Singular Femininum sein kann, während die sowohl den Akkusativ Singular Femininum, als auch den Plural für alle drei Genera ausdrücken kann. Zudem finden sich für diese Suchanfrage einige Treffer, die nicht zu Ihrem Beispiel passen wie:

    Beispiel

    „Während sich die Kinder (acht bis 14 Jahre) von 11 bis 13.30 Uhr unter Anleitung in die Fluten stürzen, sind die Jugendlichen (14 bis 16 Jahre) von 18 bis 19.30 Uhr an der Reihe.“ (M02/JUL.54122 Mannheimer Morgen, 19.07.2002; Stadtreport)

    „Die Mitarbeiterinnen des Freizeitzentrums haben viele Ideen für die Osterbastelei zusammengetragen, die von den Kindern unter ihrer Anleitung in die Tat umgesetzt werden können.“ (NKU01/APR.00947 Nordkurier, 04.04.2001; Osterbastelei mit Familienfest eingeläutet)


    Insgesamt fällt bei den Trefferbelegen auf, dass das Substantiv Anleitung nur in wenigen sehr spezifischen Kontexten mit der Präposition in verwendet wird. Dies bezieht sich v.a. auf Sätze, die im Bereich der Medizin und Pflege auftreten.

    Es kann demnach geschlussfolgert werden, dass auf Basis der Trefferzahlen die nachfolgende Variante von den Sprachbenutzern präferiert wird:

    Beispiel

    Anleitung in der Verabreichung spezifischer Medikamente


    Hinweis zu Googledaten: Die Sprachgebrauchsdaten werden mit dem wissenschaftlich fundierten Recherchesystem des Instituts für deutsche Sprache Mannheim COSMAS II erhoben und durch Googlebefunde ergänzt. Die ergänzende Googlesuche ist notwendig, da in der Textsammlung des IdS (DeReKo = Deutsches Referenzkorpus), obwohl diese inzwischen 24 Milliarden Wortformen umfasst, die gefragten Varianten häufig nur relativ selten vorkommen. Bei Google finden sich häufig deutlich mehr Treffer, die Zahlen sind aber aus den folgenden beiden Gründen mit Vorsicht zu genießen:

    1. Google unterscheidet nicht zwischen "echten" Sprachgebrauchstreffern und metasprachlichen Diskussionen. Die Frage zu downgeloadet/gedownloadet in unserem Forum bspw. ist auch ein Treffer bei Google. Insgesamt betrachtet machen die metasprachlichen Diskussionen aber in aller Regel den deutlich geringeren Anteil an den Gesamttreffern aus.

    2. Google bemüht sich um personalisierte und schnelle Suchergebnisse, die Treffergenauigkeit steht hier also nicht im Vordergrund. Dennoch - und deshalb wird hier trotz der genannten Einschränkungen auf Google zurückgegriffen - lassen sich doch Eindrücke über allgemeine Gebrauchstendenzen gewinnen.
     


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